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Das letzte Vermächtnis der Templer - Leseprobe

Den ganzen Morgen hatte Sophia vor der Intensivstation im Kemperhof ausgeharrt.

Zwei Wochen Urlaub waren geplant gewesen, Entspannung, schöne Stunden im Kreis ihrer Lieben. Doch das Schicksal war gnadenlos. Ihre Eltern waren tot! Es herrschte gähnende Leere in Sophias Kopf. Die Realität war wie hinter einem Vorhang verborgen. Sie konnte die Wahrheit nicht glauben und fühlte sich wie in einen Nebel gehüllt, den sie nicht durchdringen konnte. Aber ihre Schwester lebte! Nur das zählte. Ein Mensch war ihr geblieben: Vicky, das Nesthäkchen, das sie immer hatte beschützen wollen. Und im wichtigsten Augenblick war sie nicht da gewesen. Doch was wäre geschehen, wenn Sophia auch in dem Wagen gesessen hätte?

Irgendwann um die Mittagszeit war ihre Schwester von der Intensivstation verlegt worden, und Sophia saß schließlich an ihrem Krankenbett. Richtig wahr nahm sie das alles aber nicht. Zeit und Raum verschwammen. Nichts schien mehr von Bedeutung, nur das Hier und Jetzt zählte noch.

Gebannt hing Sophias Blick an ihrer Schwester. Das lange, blonde Haar war zerzaust, die Schrammen im Gesicht waren verkrustet, ihre Augenlider zuckten hektisch. Ob sie träumte? Die Ärzte hatten ihr Schmerzmittel gegeben. Behutsam fasste Sophia nach Viktorias linkem Arm, der unverletzt war, berührte sie an der Hand und streichelte die weiche Haut.

„Ich bin bei dir, meine Kleine”, flüsterte Sophia. „Und ich werde bei dir bleiben.”

Tränen traten ihr in die Augen, die sie aber schnell wegwischte. Sie musste jetzt stark sein für ihre Schwester.

„Sophia?”, hörte sie mit einem Mal ihren Namen.

Sie schreckte auf. Viktoria hatte die Augen geöffnet. „Sophia.” Ihre Stimme klang schwach.

„Vicky.” Sophia konnte ihre Tränen kaum unterdrücken. Sie versuchte ein Lächeln, was ihr jedoch missglückte. „Ich bin bei dir.”

„Was ... was ist passiert?”, stammelte Viktoria.

„Es gab einen Verkehrsunfall”, stotterte Sophia ebenso. „Erinnerst du dich daran?”

Sie sah, wie ihre Schwester angestrengt nachdachte.

„Nein. Ich erinnere mich an ... wir haben das Haus verlassen ...”

„Und dann?”

„Wir sind in Papas Auto gestiegen. Wir wollten zu einer Ausstellung ... und dann ... ich weiß nicht mehr.”

„Du leidest unter Gedächtnisschwund. Aber das ist völlig normal, hat der Arzt mir erklärt”, versuchte sie, ihre Schwester zu beruhigen.

Viktoria richtete sich mühsam im Bett auf, stöhnte, als sie sich auf ihren verletzten Arm stützte. Mit besorgtem Ausdruck sah sie ihre Schwester an. „Sophia. Was ist mit Mama und Papa?”

Auf diese Frage hatte Sophia gewartet. Sie hatte die Ärzte um Rat gefragt, was sie antworten sollte: die Wahrheit. Sie schüttelte den Kopf. „Sie haben es nicht geschafft.“

„Nein“, hauchte Viktoria. Dann schrie sie: „Nein!“

Tränen schossen ihr in die Augen und erstickten ihren Schrei. Sie begann zu wimmern. Abrupt schloss Sophia ihre Schwester in die Arme. Auch ihr strömten die Tränen über die Wangen, während Viktoria aufschluchzte. Fest klammerten sich die beiden Frauen aneinander. Beide wollten nicht glauben, was geschehen war, verweigerten sich der Erkenntnis, dass sie jetzt alleine waren. Ihnen blieb nur der Trost, dass sie in diesen Stunden einander hatten.

 

Währenddessen schlich der als Pfleger verkleidete Mann unauffällig durch den Korridor der Station. Die Polizeikommissarin hatte noch immer nicht bemerkt, dass er sie und ihre Schwester beobachtete. Er hatte sogar einige Worte mit der Frau gewechselt und war überrascht, wie leicht sie zu täuschen war. Aber das lag bestimmt an ihrem Schmerz, dem Verlust ihrer Eltern. So musste er wachsam bleiben. Sophia Wulff war eine ausgezeichnete Polizistin, die beste ihres Jahrgangs. Mit ihren 31 Jahren war sie eine der jüngsten Kommissarinnen bei der Küstenwache, was sie nicht nur dem Ruf und Ansehen ihres Vaters zu verdanken hatte. Sie besaß einen guten Instinkt und setzte viel auf Vernunft. Das verschaffte ihr Respekt und Ansehen nicht nur bei ihren Vorgesetzten. Sie war eine nicht zu unterschätzende Gegnerin.

All das wusste der Blonde aus den Papieren, die ihm sein Auftraggeber übermittelt hatte. Sein Ziel war aber nicht die Kommissarin, sondern deren Schwester. Sie hatte den Unfall überlebt und stellte eine ernste Bedrohung für seinen Auftraggeber dar. Es galt, das Mädchen rasch, aber unauffällig zu beseitigen.

 

Mit einem zwiespältigen Gefühl betrat Hauser das Krankenhaus. Seine Kollegen waren am Petersberg mit intensiver Spurensicherung beschäftigt, so dass er ohne weiteres nach Koblenz fahren konnte. Aber ob es die richtige Entscheidung gewesen war, Tassones Aufforderung zu folgen, darüber grübelte Hauser mehr und mehr. Seine Gedanken kreisten mittlerweile nur noch um seine Entscheidung, die er vor acht Monaten getroffen hatte. Er hatte einen Auftrag als verdeckter Ermittler angenommen, der ihn für acht Wochen von jeglichen Freunden und Verwandten trennen sollte. Doch daraus waren über vier Monate geworden, und danach war nichts mehr wie vorher.

An der Information fragte Hauser nach Viktoria Wulff. Die Dame dort verwies ihn auf Station 6B – die Unfallchirurgie. Vor der Zimmertür angekommen, hielt Hauser einen Moment inne. Nur ein Handgriff trennte ihn von seiner Vergangenheit, von seinem einstigen Leben mit Sophia: sechs Jahre Ehe, die sich nicht einfach abschütteln ließen.

Er klopfte kurz, griff nach der Klinke und öffnete die Tür. Es war ein Zwei-Bett-Zimmer, der Raum eröffnete sich nach rechts. Entschlossen trat Hauser ein. Eine schwarze Umhängetasche stand auf dem Tisch an der Wand. Über dem Stuhl hing eine Uniformjacke der Küstenwache. Nur ein Bett war belegt. Ein blondes Mädchen erschien in seinem Blickfeld. Überrascht stockte sie im Gespräch und starrte ihn an. Dann sah Hauser seine Frau: Sophia. Sie stand rechts neben dem Bett. Auch sie verharrte perplex bei seinem Anblick.

„Hallo“, war alles, was Hauser herausbrachte.

Sekunden der Stille.

„Sebastian?“, stotterte Sophia.

„Ich habe gehört, was passiert ist“, begann er leise. „Mein Beileid.“

Sophia schüttelte verwirrt den Kopf. „Was ...?“ Langsam erhob sie sich. „Du ...“, begann sie und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Du wagst es ...?“

„Sophia, ich ...“

„Du verdammter Mistkerl“, brach es aus ihr heraus.

Wütend ging sie auf ihn los, trommelte mit ihren Fäusten auf seine Brust. Hauser versuchte, ihre Hände festzuhalten. Er spürte, ihren Widerstand geringer werden. Dann sackte sie in seinen Armen zusammen und begann zu weinen. Er nahm sie sanft auf, streichelte ihr über den Rücken. Sie klammerte sich fest an ihn. Hauser sah nach Viktoria, die regungslos im Bett saß. Niemand von ihnen sagte ein Wort. Es sprachen nur die Emotionen. Hauser konnte die Liebe, die er noch immer für seine Frau empfand, nicht leugnen. Er hatte sie nie aus den Augen verloren, wusste von ihrer Versetzung zur Küstenwache, vermutlich der Versuch, ein neues Leben zu beginnen.

„Es tut mir wirklich Leid, Sophia“, flüsterte er.

„Oh, nein“, entgegnete sie mit fester Stimme, fasste sich, löste sich von ihm. „Das glaube ich dir nicht.“ Entschlossen wischte sie die Tränen ab.

„Du kannst mir glauben, es ist mir nicht leicht gefallen.“

Sie lachte spöttisch auf. „Und ich? Hast du eigentlich mal eine Sekunde an mich gedacht?“

„Jeden Tag, als ich die dreckigsten Löcher Hamburgs durchstreifte, als ich mich mit Dealern und Junkies abgeben musste.“

„Du hattest deinen Erfolg, ich habe den internen Polizeibericht gelesen. Aber ich fand nicht ein Wort darüber ...“, sie war wieder den Tränen nahe, „warum du nicht wiederkamst. Nicht ein Wort.“ Flehend blickte sie ihn an. „Warum, Sebastian? Warum hast du mich einfach ignoriert?“ Ihre Stimme war nur noch ein ersticktes Flüstern. „Was habe ich falsch gemacht?“

„Es war nicht deine Schuld.“

Betrübt ging er ein paar Schritte Richtung Fenster. Die Erinnerungen wühlten ihn auf. Nie hatte er mit Sophia über das Geheimnis ihres Vaters gesprochen. Seine Flucht war der Versuch gewesen, aus dieser Verantwortung zu entkommen – doch jetzt war er gescheitert. Gedankenverloren sah er seine Frau an, die reglos neben dem Bett ihrer Schwester stand.

„Was war es dann?“, begehrte Sophia auf.

„Ich habe einen Fehler gemacht“, begann Hauser langsam. „Ich dachte, es wäre das Beste für uns beide, wenn ich ...“

„Wenn was?“

„Ich ... ich hatte viel Zeit zum Nachdenken ... bei meinem Einsatz in Hamburg.“

„Und unsere Liebe? Bedeute ich dir nichts ... nichts mehr? Was ist bei deinem Einsatz nur mit dir passiert, Sebastian? Jeden Tag betete ich für deine gesunde Rückkehr, und als deine Mission beendet war, da kamst du nicht wieder.“

„Es tut mir wirklich Leid, das musst du mir glauben.“

„Wie kann ich das? Du hast keinen meiner Briefe beantwortet, die ich dir geschickt habe. Und jetzt? Jetzt stehst du vor mir und ...“

„Jetzt stehe ich vor dir und bitte dich um Verzeihung.“

Er ging auf Sophia zu, wollte ihre Hände nehmen, doch sie entzog sich ihm, verschränkte ihre Arme vor der Brust, als ob es sie fröstelte.

„Nein. Weißt du überhaupt, wie weh du mir getan hast? Eigentlich sollte ich dich sofort ... hinauswerfen ... wenn die Umstände nicht so ...“

„Ich bereue meinen Fehler, Sophia.“

„Schön, wenn Papa das noch erlebt hätte. Er hat immer zu dir gehalten, auch nachdem du mich allein gelassen hast.“

Sie schauten sich einige Sekunden lang an, bevor Hauser bewusst das Thema wechselte und sich an Viktoria wandte: „Was ist am Sonntag passiert?“

Sophia wollte widersprechen, doch ihre Schwester begann stotternd: „Ich ... ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern.“

„Seid ihr mit einem anderen Auto zusammengestoßen?“, fragte Hauser.

„Nein“, antwortete Viktoria zögernd. „Wir waren allein auf der Straße ... oder doch ... da war ein Motorrad, das uns überholt hat.“ Ihr verwirrter Blick wanderte zwischen ihrer Schwester und Hauser hin und her. „Es ist ... wie ein schwarzes Loch.“

„Das wird wieder besser“, machte Sophia ihr Mut. Und an Hauser gewandt: „Es ist besser, wenn du jetzt gehst und Vicky und mich alleine lässt“, sagte sie bestimmt.

Er verstand. Jedes weitere Wort wäre in der jetzigen Situation zuviel.

Erbost sah Sophia ihm nach, wie er das Zimmer verließ. Acht Monate hatte er sich nicht gemeldet, jetzt war er plötzlich wieder da. Wollte er um seine Schwiegereltern trauern? Oder wollte er wirklich zu ihr zurück? Ihr Vater hatte stets zu ihm gehalten, auch als sie vor zwei Monaten die Scheidung einreichen wollte. Sebastian würde zurückkommen, früher oder später, hatte er gesagt.

„Du liebst ihn immer noch, oder?“, hörte sie Viktorias leise Stimme.

Die vergangenen fünf Minuten waren eine Gefühlsachterbahn gewesen. So etwas hatte Sophia seit Jahren nicht mehr erlebt. „Ich weiß es nicht“, murmelte sie.

„Glaubst du, er hat seine Entscheidung wirklich bereut?“

Müde setzte sie sich auf den Stuhl neben dem Bett und blickte ihre Schwester liebevoll an. „Ich weiß nicht, was ich glauben soll.“ Viele Nächte hatte sie sich in den Schlaf geweint, selbst noch in der Zeit, als sie sich zur Küstenwache hatte versetzen lassen, in der Hoffnung, die Vergangenheit vergessen zu können. „Ich danke Gott, dass du mir geblieben bist.“

Es klopfte erneut, die Tür ging auf. Sophia fuhr herum.

„Vicky“, stieß der Junge aus, der hereinstürmte.

Zwei Mädchen folgten, deren Gesichter ebenfalls deutliche Erleichterung zeigten. „Mensch, Vicky, wir haben uns vielleicht Sorgen gemacht“, sprach eine von ihnen.

Der Junge hielt einen großen, bunten Blumenstrauß in der Hand.

„Martin“, rief Viktoria glücklich.

Er fiel ihr um den Hals. Den Strauß hatte er auf das Bett fallengelassen. Sophia beobachtete die Situation vergnügt. Auch die Zwillingsmädchen drückten ihre Freundin fest.

„Wie geht es dir, Süße?“, fragte Martin aufgewühlt.

Sophia nahm den Blumenstrauß vom Bett auf und legte ihn auf den Tisch. „Ich werde mal eine Vase organisieren. Dann seid ihr ungestört.“

„Sorry“, entgegnete der Junge, „wir ...“

„Ist schon in Ordnung“, beschwichtigte Sophia.

Sie zwinkerte ihrer Schwester zu. Die Jugendlichen waren im richtigen Moment gekommen. Sie würden Viktoria für die nächste Stunde auf andere Gedanken bringen.

Draußen im Korridor sah Sophia wieder Hauser. Er stand etwas entfernt von ihr am Fenster, wandte ihr den Rücken zu und telefonierte. Da er sehr leise sprach, verstand sie nicht, um was es ging. Im Grunde interessierte es sie auch nicht. Acht Monate der Trennung. Er schien ihr fremder als je zuvor – trotz sechs Jahren Ehe. Dennoch, ihre Schwester hatte Recht: Sie hegte noch immer Gefühle für ihn. Obwohl sie ihm oftmals den Tod an den Hals gewünscht hatte. Ohne weiter auf ihn zu achten, suchte sie nach einer Vase. Als sie den entsprechenden Schrank gefunden hatte, nahm sie ein Gefäß und ging zurück. Auf dem Weg zum Zimmer traf sie ihren Onkel, der soeben den Fahrstuhl verließ.

„Robert“, rief sie.

„Sophia.“ Er eilte ihr entgegen. Behutsam umarmte er sie. „Wie fühlst du dich heute?“

„Leer und verbittert.“

„Wieso verbittert?“

„Du glaubst nicht, wer eben hier gewesen ist.“

„Wer?“, fragte er voller Spannung.

„Sebastian.“

„Dein Mann?“

Sie nickte. „Sag, Robert, hast du ihn angerufen?“

„Nein. Wieso? Wie geht es denn Viktoria? Kann sie sich mittlerweile an den Unfall erinnern?“

„Nein. Ihre Freunde sind jetzt bei ihr.“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Hast du eigentlich schon etwas Warmes gegessen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Du warst bei Kommissar Krieger?“

„Er ist ein sturer Bürokrat. Wir hatten einen, nun ja, heftigen Disput.“

„Warte, Robert“, sagte Sophia. „Ich bring schnell die Vase ins Zimmer, dann kannst du mir alles erzählen.“

Sie eilte davon. Viktorias Freunde hatten es tatsächlich geschafft, das Mädchen aus seiner Trauer zu reißen.

„Bleibt ruhig, solange es Vicky gefällt“, sagte sie zu Martin. Und liebevoll an ihre Schwester gewandt: „Ich muss etwas klären, aber es wird nicht lange dauern. Kommst du ohne mich aus?“

„Klaro“, erwiderte sie lächelnd.

Sophia bemerkte, wie Viktoria dabei Martins rechte Hand, die sie die ganze Zeit hielt, fest drückte. Sanft hauchte Sophia ihrer Schwester einen Kuss auf die rechte Wange. „Bis gleich.“

Daraufhin ging sie wieder zu ihrem Onkel, der im Korridor gewartet hatte. „Und jetzt erzähl mir, was der Kommissar dir gesagt hat.“

Gemeinsam fuhren sie schließlich mit dem Fahrstuhl ins Untergeschoss, wo sich die Cafeteria befand.

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Im Banne des Horus - Leseprobe

Markusplatz, Palazzo Ducale.

Angespannt stieg Jette die Außentreppe hinauf, die zu der Kolon­nade im ersten Stock des Palastes führte.

Mit einem Mal fühlte sie sich in jene frühe Epoche zurückversetzt, spürte den Hauch der vergangenen Zeit, glaubte die Stimmen der einstigen Kaufleute zu hören. Eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Die Kolonnaden waren mit Fackeln erhellt, wiesen Markus und ihr den Weg. Die Sonne senkte sich mehr und mehr dem Horizont entgegen. Ein­zig der Campanile ragte wie ein schwarzer Obelisk in den Himmel.

„Buona sera”, grüßte Foscari, der am Ende der Kolonnade stand. „Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.”

Er trug das Kostüm eines französischen Edelmannes; selbst Degen, Schlapphut und die Stulpenstiefel fehlten nicht.

„Buona sera, Sebastiano”, erwiderte Jette begeistert.

Galant nahm Foscari ihre Hand und küsste sie. „Es ist mir eine persönliche Ehre, Sie hier an diesem Ort empfangen zu dürfen, Signorina.”

Erneut traf sie seine Berührung wie ein Blitz. „Vielen Dank. Ich fühle mich geschmeichelt.”

Dann wandte er sich an Markus, und die beiden Männer begrüßten sich ebenfalls.

Kurz darauf betraten sie den Palast. Überall Prunk, vergoldete Plastiken, prächtige Deckengemälde, kostbare Wanddekorationen. Foscari führte sie durch Korridore und Räume, bis sie den Ballsaal erreicht hatten.

Musikanten spielten auf mittelalterlichen Zupf- und Blasinstrumenten, ihre Musik erfüllte den Raum. An den Längsseiten erstreckten sich eingedeckte Tische, an denen viele der kostümierten Gäste saßen und mit ihren Nachbarn plauderten. Andere standen auf der Innenfläche beisammen und unterhielten sich angeregt. An der hinteren Schmalseite war ein großes Buffet aufgebaut, dazwischen kostbares Porzellan und Gläser. Überall liefen Bedienstete in mittelalterlichen Trachten umher und kümmerten sich um die Gäste.

„Das ist wunderschön”, äußerte Jette gerührt.

„Ich wusste, dass es Ihnen gefallen wird”, erwiderte Foscari lächelnd. „Kommen Sie. Ich möchte Sie mit einigen der Anwesenden bekannt machen.”

In Jettes Faszination mischte sich mehr und mehr Verlegenheit. Sie war ein einfaches Mädchen, hatte in ihrem Leben immer kämpfen müssen. Hier hatte sich der Adel versammelt, Menschen, die zu Ruhm und Reich­tum gekommen waren. Das war nicht ihre Welt.

Dennoch lag hier ein Geheimnis verborgen, ein Wissen, das die Menschheit vor dem Untergang bewahren konnte. War Sebastiano Foscari der Großmeister dieser Erkenntnis?

So ließ sich Jette von der Atmosphäre einfangen, versuchte, ihrer inneren Stimme zu folgen. Foscari stellte ihnen seine Frau und seinen Bruder, den Gastge­ber, vor. Daneben lernten sie noch den Bürgermeister von Venedig und einige bedeutende Wissenschaftler kennen.

Dann geleitete Foscari sie zu ihrem Platz. Fröhlich setzte sich Jette an den Tisch und beobachtete das Geschehen. So etwas kannte sie bislang nur aus Filmen.

„Ist alles in Ordnung mit dir?”, fragte Markus leise und lächelte liebevoll.

„Ja, es ist fantastisch hier.”

„Dieser Foscari scheint wirklich eine einflussreiche Persönlichkeit zu sein.”

„Ja”, schwärmte sie. „Sebastiano ist ein wunderbarer Mann, höflich, gebildet, nett ...”

„Und was ist mit mir?”, warf Markus ein. „Ich bin auch höflich, gebil­det und nett.”

Jette musste grinsen. Amüsiert schüttelte sie den Kopf. „Das weiß ich doch”, sagte sie und streichelte seine Hand. „Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?”

„Ich? Eifersüchtig?” Gespannt sah sie ihn an. „Muss ich denn?“

Er meinte es eher im Scherz, schien sich ihrer Antwort sicher. Aber war sie sich über ihre Gefühle wirklich so klar? Die bunte Welt des Luxus, die Jette in diesem Palast umfing, berauschte sie. So antwortete sie verhalten: „Nein, das brauchst du nicht.“

Er lächelte glücklich.

Jette nahm es kaum wahr, war sie mit ihren Gedanken schon wieder bei den Eindrücken, die sie unaufhörlich überfluteten: all die bunten Kostüme, die prächtig dekorierten Wände, das kostbare Porzellan. So etwas Wunderbares hatte sie noch nie gesehen.

Einer der Diener erschien an ihrem Platz und fragte nach ihren Wünschen. Er zählte eine so lange Liste an Speisen und Getränken auf, dass es Markus und Jette schwer fiel, sich zu entscheiden. Doch schließlich hatten sie ihre Wahl getroffen und bekamen kurz darauf Meeresfrüchte und einen erlesenen Weißwein serviert. Jette aß voller Genuss.

Später am Abend erschien Foscari mit seiner Frau und forderte Jette und Markus zum Tanz auf. Ein wenig unsicher wehrte sich Jette, doch der Funke sprang schnell auf sie über. Mit der Zeit gelang es ihr im­mer bes­ser, den Schritten zu folgen. Foscari war geduldig und sehr einfühlsam. Beschwingt ließ sie sich schließlich von dem Tanz mitreißen, wechselte die Partner, folgte den Rhythmen.

Jette vergaß die Zeit. Alles um sie herum drehte sich. Es berauschte sie mehr und mehr. Sie spürte den Hauch jener Jahrhunderte, als Venedig die Herrscherin im Mittelmeerraum gewesen war. Bil­der tauchten vor ihren Augen auf, zeigten Schiffe, die bis nach Palästina fuhren, Kaufleute, die ihre Waren in Lagerhäusern begutachteten, Edelleute, die im Senat über die Gesetze der Repu­blik wachten.

Da fand sich Jette in den Armen von Foscari wieder. Seine Berührungen ließen sie erschaudern. Ein Kribbeln jagte ihr über den Rücken.

„Sie zittern ja, Signorina”, sprach er leise, während er sich mit ihr im Kreis schwang.

Seine stahlblauen Augen leuchteten wirklich wie Sterne!

„Sie sind ein ungewöhnlicher Mann, Sebastiano”, erwiderte sie ebenfalls leise.

„Und Sie haben die Anmut einer Göttin, Jette.”

Sie musterte ihn. Es war das erste Mal, dass er sie beim Namen nannte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Einen Penny für Ihre Gedanken”, sagte sie.

Jetzt schaute er sie lange an. „Sie sind in Gefahr, Jette, in großer Gefahr.”

Ihr Herzschlag steigerte sich augenblicklich. „In Gefahr?”

Er sah sich rasch um. „Unser Zusammentreffen ist kein Zufall. Die Götter haben es so bestimmt, denn das Ende der Welt ist nahe.”

Jette spürte, wie ihr Herz immer heftiger schlug. Sie war auf der richtigen Spur!

„Kommen Sie”, sagte Foscari. „Ich will Ihnen etwas zeigen.”

Sie blickte sich nach Markus um.

„Sorgen Sie sich nicht um Ihren Freund. Bei meiner Frau ist er in besten Händen.”

Sie hatte keine Wahl, wollte sie Foscaris Geheimnis ergründen. „Mein Schicksal liegt jetzt in Ihren Händen, Sebastiano.”

Er lächelte hintergründig. „Sie sind sehr tapfer. Das müssen Sie auch. Aber Sie können mir vertrauen, Signorina.”

Die Tanzenden nahmen kaum Kenntnis von ihnen, als sie den Ballsaal verließen. Foscari führte Jette durch lange Korridore in einen kleinen Raum im Südflügel des Palastes. Durch eine große Fensterfront fiel Zwielicht in das leere Zimmer, es gab keine Möbel, nur ein weite­res grandioses Deckengemälde.

„Schauen Sie”, sagte Foscari und ging zum Fenster.

Jette folgte ihm. Ihr Blick erfasste den Canale di San Marco und den Zugang zum Markusplatz, dort wo die beiden Säulen standen. Alles war ins Licht der untergehenden Sonne ge­taucht.

„Sehen Sie die Säulen?”, fragte Foscari. Jette nickte. „Seit über achthundert Jahren stehen sie nun dort und symbolisieren die Macht Venedigs. Der geflügelte Löwe des Evangelisten Markus und die Statue des heiligen Theodoros, des er­sten Patrons Venedigs. Wussten Sie, dass einst zwischen den beiden Säulen das Schafott gestan­den hat? Dort wurden die Todesurteile vollstreckt.”

Bei dem Gedanken daran lief Jette ein Schauer über den Rücken. „Warum erzählen Sie mir das?”

„Sie vergleichen Venedig sicherlich mit einer Perle, für Sie ist es ein faszinierender Ort. Aber unsere Geschichte steckt voller Leid, Blut und Tod. Selbst die ersten Siedler mussten dies erfahren, als sie sich im fünften Jahrhundert in diese Lagune flüchteten, um sich vor den Überfällen der Barbaren aus dem Norden zu schützen. Und im dreizehnten Jahrhundert nutzten meine Vor­fahren den vierten Kreuzzug, um Konstantinopel zu erobern und ihren Macht­anspruch durchzu­setzen. Und heute? Heute sterben Menschen, weil sie zu viele Fragen stellen und der Wahrheit zu nahe kommen.”

„Der Wahrheit zu nahe kommen?”

Jette konnte ein leichtes Unbehagen nicht leugnen. Aus dem netten, sympathischen Adligen war plötzlich eine undurchsichtige, bedrohlich wir­kende Gestalt geworden.

„Jeder muss sich seinem Schicksal beugen”, antwortete er mehrdeutig.

„Wer sind Sie wirklich?”, fragte Jette nun streng.

„Alles zu seiner Zeit ... alles zu seiner Zeit. Ich werde Ihnen jetzt ein Geheimnis offen­baren.”

Am linken Fensterrahmen betätigte er einen verborgenen Schalter. Daraufhin öffnete sich auf einer der Wandseiten eine vorher nicht sichtbare Tür. Zielstrebig ging Foscari auf die Öff­nung zu. „Kommen Sie.” Fordernd streckte er ihr die rechte Hand entgegen.

Jette folgte ihm zögernd. Foscari entzündete eine Fackel, die er von der Wand des Geheimganges nahm. Dann geleitete er sie eine Treppe hinab. „In diesem Palast gibt es viele verborgene Wege”, erklärte er. „Nur wenige Menschen kennen sie heute noch. Früher dienten sie dem Dogen dazu, dass er unerkannt seiner Wege gehen konnte.”

Jettes Anspannung steigerte sich. Es erinnerte sie an die Erkundung ägyptischer Grabkammern. Wie gern hätte sie jetzt Markus an ihrer Seite gehabt, aber das Geheimnis schien nur für sie bestimmt zu sein.

Als sie einen kleinen Vorraum erreichten, öffnete Foscari eine Tür, die in einen größeren Raum mündete, und entzündete eine weitere Fackel. Jette stockte der Atem. Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, was sie jetzt in dem diffusen Licht sah. Überall Gold und Edelsteine. Statuen, Skulpturen, Figuren, Thronsessel, Armbänder, Schmuck, Medaillons. Freudentränen schossen ihr in die Augen, sie legte die Hände vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Es waren alt-ägyptische Kunstgegenstände, Grabbeigaben und zeremonielle Objekte. „Sind ... das ... sind ... das ...?”, stotterte sie.

„Das ist nur ein kleiner Teil des Schatzes der Pharaonen”, entgegnete Foscari ruhig. „Denn die wirklichen Werte lagern hinter dicken Tresortüren vermögender Privatleute in der ganzen Welt.”

„Aber wie ...?”

„Seit zweihundert Jahren erkunden wir nun schon Ägypten, um diese unbezahlbaren Uni­kate der Nachwelt zu erhalten.”

Jette sah Foscari ungläubig an. „Die geheime Bruderschaft. Sie sind ... ein Templer.”

„Ja, ich bin Templer”, erwiderte er mit fester Stimme. „Jetzt kennen Sie meine Berufung.”

Sie wich zurück.

„Es tut mir Leid, dass ich Sie erschreckt habe, Jette. Vertrauen Sie mir, denn Sie sind un­sere einzige Hoffnung.”

„An Ihren Händen klebt Blut. Der französische ...”

„Forscher?”, unterbrach Foscari. „Er war ein Narr, der mit dem Feuer spielte. Zu viele unbequeme Fragen. Und er hatte ein schwaches Herz.”

„Ich glaube Ihnen nicht.”

„Jette, bitte, Sie müssen mir vertrauen.”

„Wie kann ich das?”

„Ist es nicht schon Vertrauen genug, dass ich mit Ihnen in diesen Raum hinabgestiegen bin? Dass ich bereit bin, Ihnen bei Ihrem Kampf gegen Seth zu helfen?”

„Ich weiß nicht.” Sie war völlig verunsichert. „Sie waren so nett, und mit einem Mal ...” In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken.

„Es ist eine große Aufgabe, die von Ihnen verlangt wird, Jette”, äußerte er wohlwollend. „Sie sind noch jung, und das, was Sie erleben, widerspricht Ihrer Erfahrung. Das Schicksal hat Sie plötzlich getroffen. Ihr Vater hatte kaum Zeit, Sie darauf vorzubereiten.”

„Was wissen Sie von meinem Vater?”

„Wir beobachten Sie, seit Sie aus Ägypten zurückgekehrt sind - seit dem Tag des Erdbe­bens, als das Verhängnis seinen Anfang nahm.”

„Dann wissen Sie, wer ich bin?”

„Ja, Jette. Sie sind die Reinkarnation von Isis, der großen Göttin des Lebens. Daher kön­nen nur Sie das Unheil abwenden.”

„Was ist in Ägypten passiert?”

„Sehen Sie diese Statue hier?”

Foscari deutete auf eine der vergoldeten Skulpturen. Der Unterleib und die Beine waren wie die einer Mumie umwickelt. Über der Brust hielt die Gestalt Krummstab und Schlegel gekreuzt, und auf ihrem Haupt saß die Atef-Krone.

Jette näherte sich. „Das ist Osiris, der Gott der Toten.”

„Exakt. Einst stand er in der Königinkammer der Cheops-Pyramide.”

„Was sagen Sie da?”

„Genau genommen stand er in der Kraknische, über deren Bedeutung die Ägyptologen heute noch rätseln.”

Sie stockte kurz. „Das klingt so, als würden Sie die wahre Bedeutung der Pyramide kennen.”

„Schauen Sie sich die Inschrift am Sockel der Statue an”, forderte Foscari sie auf.

Jette kniete sich nieder und versuchte, die Hieroglyphen zu entziffern. Sie rief sich die Lehrstunden mit Kjeldsen ins Gedächtnis und zitierte langsam: „Möge niemand seine Ruhe stören ... und ihn der Vergessenheit übergeben ... mögen seine Frevel hier ihr Ende finden.” Sie sah zu Foscari auf. „Seth?”

„Ja. Diese Statue hatte die Funktion eines Wächters. Osiris, der Gott der Toten, wachte über das Grab seines Bruders Seth, der in der Pyramide lebendig eingemauert worden war.”

Verwirrt erhob sich Jette. „Seth ist in der Pyramide begraben?”

Foscari nickte.

„Die Gantenbrink-Tür”, stieß sie jäh aus. „Liegt dort Seths Versteck?”

„Sie meinen den Verschlussstein, den der deutsche Ingenieur vor eini­gen Jahren am Ende des südlichen Schachts der Königinkammer entdeckt hat.”

„Genau.” Wie ein Lauffeuer war diese Sensation damals um die Welt gegangen, hatten die Ägyptologen bis dato doch behauptet, der Schacht würde nach wenigen Metern blind enden. Gantenbrink hatte mit seinem Miniroboter nachgewiesen, dass der Schacht wie auch die anderen Schächte nach oben anstieg und fast 60 Meter lang war, bis ein Stein den Weg blockierte. „Ich ging damals noch zur Schule”, entgegnete sie nachdenklich, „aber ich erinnere mich an die Spekulationen, die bis heute nicht abgerissen sind und durch neueste Forschungen wieder entfacht wurden. Viele vermuten noch immer eine Kammer hinter den Blockierungen.”

„Und was denken Sie?”, fragte Foscari hintergründig.

„Ich?” Sie überlegte. „Nun, die Idee einer Kammer ist nicht abwegig. Vielleicht ist es Cheops' wahres Grab ... oder seine Schatzkammer. Aber genau werden wir es erst wissen, wenn alle Blockierungen geöffnet sind.”

Foscari schmunzelte. „Sagt Ihnen das Projekt Wep-wawet etwas?”

„Wep-wawet? Wep-wawet ist eine der alt-ägyptischen Bezeichnungen für Upuaut, den Öffner der Wege.”

„Wep-wawet war der Codename des Nachfolgeprojektes zur endgültigen Erkundung des südlichen Schachts. Aber nicht das Ereignis, das Sie im Fernsehen live mitverfolgen konnten. Das war lediglich eine gut gemachte Werbesendung. Die wahre Erkundung fand bereits im September neunzehnhundertsechsundneunzig statt ... also schon drei Jahre nach Gan­tenbrink. Damals hat ein ägyptisches Forscherteam mit technischer Unterstützung einer kanadi­schen Firma sämtliche Blockierungen mittels eines Roboters durchbrochen ... völlig unbemerkt von der Öffent­lich­keit.”

„Aber ...”

„Ich kann Ihre Überraschung verstehen - und ihre Zweifel, die Sie vielleicht hegen. Aber glauben Sie mir, die Wahrheit ist weit umfassender als die Öffentlichkeit je erfahren wird.”

Es verschlug Jette die Sprache. Die Geheimniskrämerei der Ägyptologen - es gab sie tatsächlich! Ein elitärer Kreis von Wissenschaftlern, der die Wahrheit hütete. Aber warum? Gab es etwas in Ägypten, das das Verständnis von der Entwicklung dieser Kultur oder gar des Menschen revolutionieren würde?

„Was ist hinter den Verschlusssteinen?”, fragte sie atemlos.

„Eine dritte und letzte Blockierung, ähnlich wie beim Zugang zur Königskammer.”

„Und dahinter?”

„Ein Gangsystem mit weiteren Kammern.”

„Ein zweites Gangsystem in der Pyramide?”, flüsterte sie atemlos.

Foscari nickte. „Aber diese neuen Kammern sind genauso schmucklos wie die bereits bekannten Räume. Die Kamera des Roboters erfasste jedoch eine Statue des Anubis.”

„Das ... das ist ... unglaublich.”

Damit erschienen die von den Ägyptologen verschmähten Untersuchungen diverser For­scher, die über Gänge und Kammern in der Pyramide und unterhalb des Sphinx berichtet hat­ten, plötzlich in einem ganz neuen Licht. Es schien sie wirklich zu geben, die Unterwelt, das Reich des Osiris!

„Und Seth?”, fuhr Jette fort. „Sie haben gesagt, dass er in der Pyramide begraben liegt. Als ich vergangene Woche in der Pyramide war ... mit meinem Mentor ... da war die Königinkammer gesperrt.” Fragend sah sie Foscari an. „Lars bekam keine Auskunft. Aber Sie wissen, was dort geschah, nicht wahr?”

„Mittlerweile ist der Zutritt zur Cheops-Pyramide gänzlich für die Öffentlichkeit gesperrt. Angeblich sollen im Innern erneut Schäden repariert werden, die in den vergangenen Monaten von den Touristen verursacht worden sind.”

Jettes Anspannung steigerte sich. „Und der wahre Grund?”

„Forschungsarbeiten im nördlichen Schacht der Königinkammer. Dort, wo Gantenbrink damals wegen verkeilter Stangen, mit denen vermutlich Waynman Dixon im neunzehnten Jahrhundert den Schacht erkunden wollte, aufgeben musste ... bevor er sich dann dem südlichen Schacht zuwandte. Der Deutsche war nur bis zur Biegung gekommen, die der Schacht zwangsläufig wegen der Großen Galerie nehmen muss. Dieses Mal waren die Forscher vorbereitet, und sie schafften es, diese Hürde zu nehmen und dem Schacht in die Höhe, tief ins Mauerwerk der Pyramide zu folgen.”

„Dort fanden sie dieselben Blockierungen?”

Foscari nickte. „Sie konnten sie direkt öffnen, es war der gleiche Mechanismus wie im süd­li­chen Schacht. Das war der Augenblick, als das schwere Erdbeben Kairo erschütterte.”

Jette starrte ihn fassungslos an.

„Als die Forscher die letzte Blockierung öffneten, lösten sie die Katastrophe aus. Der Bann war gebrochen. Das Böse entwich aus einer bis dahin geheimen und verborgenen Kammer.”

„Seths Versteck.”

„Ja, Seths Versteck. Alle Schutzmechanismen waren zerstört ... die Wächterstatue des Osiris in der Kraknische, geraubt von Grabräubern im Mittelalter ... die einst verborgenen Schächte, aufgesprengt von Waynman Dixon ... die Blockierungen am Ende des Schachts, geöffnet von machtbe­sessenen Forschern, die dafür mit ihrem Leben bezahlten.”

In diesem Moment verstand Jette die Zusammenhänge. Die Götter hatten Seth in der Py­ra­mide begraben, sein Versteck getarnt, doch der Ehrgeiz der Menschen kannte keine Grenzen. Durch Hochmut hatten sie die alten Regeln wiederbelebt. Der Fluch hatte die Forscher getötet, war entwichen und hatte die Besucher der Pyramide getroffen. Sie war eine dieser Personen - die Reinkarnation der Göttin Isis.

„Sie können sich nicht vorstellen, welche Panik zurzeit unter den Ägyptologen herrscht”, fuhr Foscari fort. „In wilder Hast und unter strengster Geheimhaltung versuchen sie nun, den verborge­nen Zugang zu der Kammer im Nordschacht zu finden, um das Geheimnis der mysteriösen Todesfälle klären zu können.”

„Werden sie den Zugang finden?”

„Vielleicht. Aber sie haben keine Ahnung, was wirklich geschehen ist. Jetzt rächt sich ihre Engstirnigkeit, denn sie sind gefangen in ihren eigenen Doktrinen.”

Jette war sprachlos und entsetzt zugleich. Gedankenversunken starrte sie auf die Osiris-Statue.

Da spürte sie Foscari hinter sich, seine Hände, die sanft ihre Schultern streichelten. „Du wirst unsere Rettung sein, Tochter des Alten Volkes”, sprach er leise. „Es ist deine Bestim­mung, den Kampf aufzunehmen und das Böse zu besiegen. So wie die vielen tap­feren Frauen und Männer vor dir. Habe Vertrauen in deine Stärke. Glaube an dich und die Allmacht der Götter. Dann wird Isis immer an deiner Seite sein.”

„Aber wie ... wie soll ich ihn vernichten?”, meldeten sich Zweifel in ihr. „Seine Diener sind so stark, so grausam.”

Foscari löste sich von ihr und zog ein Amulett aus einer Tasche seines Kostüms. „Dies wird dir helfen.”

Neugierig nahm sie das schwere Schmuckstück entgegen. In der Mitte der goldenen Scheibe saß ei­n bläu­lich schimmernder Stein. „Das ist wunderschön.” Fasziniert strichen ihre Finger über das glän­zende Edelmetall. Der Stein war kristallklar, und sie musste sich konzentrieren, dass sie nicht in seiner Tiefe versank. „Wo haben Sie das gefunden?”

„Es gehörte zu der Wächterstatue des Osiris und ist Teil des Steins von Rôstau.”

Überrascht sah sie auf. „Der Stein von Rôstau? Sie wissen, was das ist?”

„Als die Götter auf die Erde kamen, brachten sie ein Relikt ihres Planeten mit, einen gro­ßen kristallklaren blauen Stein. Er war das Symbol ihrer Macht und krönte ihr höchstes Hei­ligtum. Als ihr irdisches Reich versank - die Menschen nennen es heute Atlantis - nahmen sie diesen Stein mit und fanden am Nil eine neue Heimat. In Abydos errichteten sie ihr neues Hei­ligtum und der Stein verblieb dort für viele tausend Jahre. Bis der Mensch selbst die Herrschaft übernahm. Die heiligen Stätten in Abydos verfielen, doch die Götter des Lichts retteten den Stein, in dem sie ihn in zwei Teile schnitten. Die eine Hälfte halten Sie in Händen ... er schützte das Grab Seths. Die andere Hälfte wurde verwahrt, bis die Götter in Echnaton einen würdigen Pharao fanden. Er vermachte den Stein dann seinem Sohn.”

„Tut-anch-Amun”, äußerte Jette.

„Carter fand den Papyrus, der von der Vergangenheit dieses Steins erzählte. Doch viele Stellen waren unleserlich, so dass er das Geheimnis nicht entschlüsseln konnte.”

„Wie dieser arme französische Forscher?”, fragte Jette streng. „Seine Vermutungen waren doch falsch.”

„Signorina ... bitte verfallen Sie jetzt nicht in den Fehler, über etwas zu urteilen, das Sie nicht verstehen”, bat Foscari ein­dringlich. „Für Sie muss es grausam sein, doch hinter all dem steckt eine viel höhere Wahrheit. Und Sie müssen die zweite Hälfte, das zweite Amulett fin­den, wenn Sie Seth vernichten wollen.”

„Warum helfen Sie mir? Sie sind ein Templer. Sie unterdrücken die Wahrheit und ...?”

„Ich kenne meine Berufung. Aber gewisse Umstände machen uns zu Verbündeten.”

„Welche Umstände?”

Er sah sie lange an, bevor er antwortete: „Ich kann dir jetzt nicht mehr sagen, Jette. Wichtig ist nur, dass du das zweite Amulett in deinen Be­sitz bekommst. Und erzähle niemanden, dass ich dir die andere Hälfte gegeben habe. Hüte dich vor den Wächtern der Geheimnisse, den berufenen Wissenschaftlern. Traue niemandem. Dein Leben hängt davon ab.”

„Aber ... was ...?”, stotterte sie verwirrt.

„Du musst nach Ägypten. Mit viel Fantasie kann man dem Papyrus entnehmen, dass der Stein mit dem Ende der Amarna-Zeit, also der Phase von Echnatons Monotheismus, ebenfalls sein Ende fand. Es gibt zwar Papyri der nachfolgenden Dynastie, in denen der Stein er­wähnt wird, aber nirgends steht geschrieben, dass die Pharaonen ihn tatsächlich besaßen. Ich bin der Überzeugung, dass Tut-anch-Amun den Stein nach Abydos gebracht hat ... dem frühesten Heiligtum der alten Ägypter, dort, wo einst die Götter herrschten.”

Jette lachte spontan auf. „Und ich soll ihn in nicht einmal sechs Tagen finden.”

„Du wirst den Stein dort finden”, äußerte Foscari überzeugt.

Erneut nahm er sie in seine Arme. Jette sah ihn gebannt an. Ein Kribbeln lief ihr den Rücken hinunter, ein Zittern ergriff ihren Körper.

„Osiris' Gemahlin wird dir bei deiner Suche helfen”, fuhr er leise fort.

Ihre Blicke trafen sich. Jette konnte sich der Ausstrahlung des Venezianers nicht entziehen. Ihr Puls steigerte sich. Seine dunklen Augen schienen tief in sie hinein sehen zu wollen. So wich sie ihm auch nicht aus, als er sich zu ihr beugte und sie küsste. Im Gegenteil. Sie erwiderte seinen Kuss und ließ sich von der Leidenschaft berauschen ...

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Uh'sia - Atlantis' letzte Kriegerin - Leseprobe

Warm schien die Morgensonne in die umgebenden Täler des gigantischen Vulkanberges hinein. Wasser und Wind hatten im Lauf von Jahrmillionen breite Furchen in die Lavafelder gegraben. An den Hängen zogen sich terrassenförmig angelegte Felder entlang. Hier wuchs Getreide, aber auch Reis und Gemüse: die Lebensgrundlage der Menschen, die in einer kleinen Siedlung am Fuße des Vulkans wohnten. Kristallklare Bäche, in denen sich Lachse und Forellen tummelten, durchzogen die fruchtbaren Auen. Obstbäume standen an den Ufern.

Unter einem dieser Bäume kuschelte Uh'sia mit ihrem Freund Tha'man. Das Mädchen hatte diesem Tagesanbruch entgegengefiebert, denn heute am Festtag der Fruchtbarkeitsgöttin wollten sie ihr Versprechen segnen lassen. Innig küsste Uh'sia den jungen Mann, strich mit den Händen durch sein langes Haar, während er zärtlich ihren Rücken streichelte. Tha'man war vier Jahre älter als sie und nach dem Gesetz bereits mündig. Seit einem halben Jahr waren sie nun ein Paar, trotzdem war sie noch immer Jungfrau - so wollte es die Tradition. Aber das sollte sich heute Nacht während der Feierlichkeiten ändern.

„Liebst du mich?”, fragte sie ihn, noch im Rausch des Kusses gefangen.

Er lächelte glücklich. „Für mich gibt es nur dich, mein Schmetterling.”

Sie fühlte sich unendlich geborgen in seinen Armen. In der Nähe plätscherte der Bach; die Vögel zwitscherten munter. Verträumt sah das Mädchen dem bunten Gefieder zu, wie es auf der Wiese umhertanzte oder aufgeregt von einem Ast zum anderen sprang. Es war wie die Gefühle in ihrem Herzen. Tha'man war ihre erste Liebe und mit ihren Gedanken war sie nur bei ihm.

„Uh'sia!”, schallte es plötzlich über die Wiesen. „Uh'sia!”

Erschrocken fuhr das Mädchen herum. „Meine Mutter.” Ihr Herz klopfte wild. Hastig sprang sie auf und strich ihre grüne Tunika glatt. Tha'man erhob sich ebenfalls.

Ihre Mutter eilte ihnen entgegen. „Sogar am heutigen Festtag kommst du zu spät”, schimpfte sie. „Du lässt unsere Gäste warten ... vor allem deinen Vater.”

Verlegen senkte Uh'sia den Blick. „Verzeih mir, Mutter. Ich vergaß die Zeit.” Es schmerzte sie, dass sie sie wieder einmal enttäuscht hatte, obwohl sie ihr versprochen hatte, pünktlich zurück zu sein.

„Du solltest einmal mehr an deine Lieben denken und nicht stets so sehr an dich.”

„Es ist nicht ihre Schuld”, äußerte Tha'man, „ich habe ...”

Uh'sias Mutter unterbrach ihn: „Es ist ehrenvoll, dass du meine Tochter beschützt, aber sie muss lernen, dass das Leben mehr Anforderungen stellt, als nur verliebt zu sein.”

„Es tut mir Leid”, entgegnete das Mädchen leise.

„Nun komm, mein Kind.” Sie lächelte gütig. „Wir wollen die Gäste nicht noch länger warten lassen.”

Uh'sia schwieg, als sie ihrer Mutter folgte. Ihr Blick schweifte dabei über den mächtigen Vulkan, der sich majestätisch am südlichen Horizont abzeichnete. Wolken umgaben seine Spitze, die von ewigem Eis bedeckt war. Seit Urzeiten war er erloschen, doch die Ältesten erzählten, dass in seinem Innern noch immer der Feuergott wütete.

Schließlich hatten sie die Siedlung erreicht. Die meisten der weißen Häuser besaßen zwei Stockwerke und ein Flachdach. Bunte Markisen an den Fenstern spannten sich über die Gassen. In den breiteren Straßen hatten Händler ihre Stände aufgebaut und verkauften Keramik und Schmuckstücke. Nur vereinzelt gab es Reiter, der Großteil der Bewohner ging zu Fuß. Dazwischen mischten sich Ochsenkarren, die mit Feldfrüchten beladen waren.

Als Uh'sia den elterlichen Hof durch das Tor betrat, erkannte sie die Nachbarn, die bereits unter dem großen Baldachin des Haupthauses zusammenstanden. Ihre Gespräche erfüllten die laue Morgenluft. In der Menge entdeckte Uh'sia ihren Vater, der in ein Gespräch vertieft war. Neben ihm stand ihre Zwillingsschwester Seh'kina. Sie wirkte sehr angespannt. Als sich die Blicke der beiden Mädchen trafen, erkannte Uh'sia Zorn in Seh'kinas Augen. Seit Monaten stritten sie sich nur noch, ohne dass Uh'sia wusste warum. Ihre kindliche Harmonie war dahin.

Ihre Mutter war zu ihrem Vater gegangen und so unterbrach er das Gespräch. „Meine Freunde”, forderte er schließlich Gehör. „Entschuldigt, dass ich euch unterbreche.” Einige der Gäste lachten freudig auf, doch dann kehrte Ruhe ein. „Meine Freunde”, wiederholte er. „Heute ist für uns ein ganz besonderer Tag. Nicht nur, weil wir heute Beltaine feiern, das Fest zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttin ... nein ... für meine beiden Töchter ist heute der Tag, nach dem sie sich lange sehnten.” Er sah die beiden an. „Meine Töchter ... mit dem heutigen Tage beginnt eure Mündigkeit. Für eure Mutter und mich bedeutet das, und das mögen einige der anwesenden jungen Männer sicher mit Freude hören, dass ihr euren Weg nun selbst bestimmt.”

"Hört, hört”, kam es aus der Gruppe.

Uh'sias Blick glitt derweil zu Tha'man, der sich zu seinen Eltern gesellt hatte. Ein Lächeln spiegelte sich auf seinem schmalen Gesicht. Glücklich zwinkerte er ihr zu. Sein Anblick ließ ihr Herz wild klopfen.

„Wie jedes Jahr werden sich auch dieses Mal junge Männer und Frauen das Versprechen der Ehe geben.” Uh'sias Aufregung steigerte sich. „Und ihr, meine Töchter, seid nun in dem Alter, um an diesem Fest teilnehmen zu dürfen. Dabei freut es mich ganz besonders, dass es bereits einen Antrag für meine älteste Tochter gibt ... Tha'mans Vater bittet für seinen Sohn um Uh'sias Hand. Und ich stimme dem zu oder besser, ich beuge mich dem Wunsch der Liebenden.” Lachen erfüllte den Hof. „Nach dem alten Brauch unserer Vorväter werden diese beiden jungen Menschen heute Abend, wenn die Freudenfeuer entzündet sind und die Nêter die Bittzeremonie zelebrieren, Hand in Hand über die Feuer springen ... als Zeichen dafür, dass sie alle zukünftigen Gefahren gemeinsam meistern wollen. Dann werden sie vor dem Altar der Sonnengöttin das Opfer bringen. Danach gehört die Nacht den Liebenden”, endete er schmunzelnd.

Erregung ergriff Uh'sia. In fiebriger Erwartung sehnte sie sich nach Tha'mans Berührungen, seinen Liebkosungen, wenn er ihr heute Nacht die Jungfräulichkeit nehmen würde.

Jäh grollte Donner durch das Tal. Erschrocken sah Uh'sia zum Himmel hinauf. Dunkle Wolken zogen herauf, verdichteten sich rasch zu einer geschlossenen Decke. Die Sonne verschwand. Die Milde wich einem kühlen, fast stürmischen Wind. Ein Blitz zuckte zu Boden, Donner grollte erneut. Dicke Regentropfen klatschten auf den sandigen Boden. Im Nu war Uh'sia nass bis auf die Haut. Das Gemurmel der Gäste verstummte schlagartig. Panik zeichnete ihre Gesichter. Aus der Ferne drang das Trommeln beschlagener Pferde, die sich im Galopp näherten. Barbarisches Grölen und das Heulen von Wölfen erschallte.

„Bei der Macht des Großen Schöpfers”, stieß Uh'sias Vater aus.

Das Herz des Mädchens begann heftig zu schlagen. Verängstigt sah es sich um. Alle waren wie gelähmt. Niemand der Anwesenden rührte sich oder sprach ein Wort. Außerhalb des Hofes schrien bereits die ersten Menschen in Todesangst auf. Da drangen Reiter mit barbarischem Gebrüll durch das Tor.

„Die Horde des Belial”, stammelte Uh'sias Vater.

Die schwarz gekleideten Krieger schwangen ihre Schwerter. Einige trugen Furcht einflößende Masken mit Helmen. Wolfsähnliche Tiere mit messerscharfen Hauern jagten herbei. Die Bauern griffen verzweifelt nach Harken und Dreschflegeln, um sich zu verteidigen.

„Vater!”, schrie Uh'sia. Entsetzen überfiel sie. Plötzlich stand sie völlig allein. „Vater!”

Der Heuschober ging in Flammen auf.

„Uh'sia!” Sie sah sich um und entdeckte Tha'man. Mit erhobenem Schwert eilte er auf sie zu. „Wir müssen uns in Sicherheit bringen.” Er zerrte am Ärmel ihrer durchnässten Tunika. „Komm!”

„Ich will zu meinem Vater”, schluchzte sie und riss sich los. „Vater!” Strähnen des nassen Haars klebten ihr auf der Stirn. Ihre nackten Füße wateten durch Schlamm. Ziellos irrte sie umher, während um sie herum das Chaos wütete.

Brutal metzelten die Krieger die Männer nieder, fielen über die Frauen her, verschonten nicht einmal die Kinder. Überall brannten Feuer. Die Wölfe rissen sich um die leblosen Körper, schleiften sie durch den Schlamm.

Da sah Uh'sia ihren Vater. Er schwankte auf sie zu, die Hände auf seinen Bauch gepresst, wo sich ein großer Blutfleck auf dem Gewand abzeichnete. Er lächelte gequält. „Uh'sia ...” Jäh sackte er zu Boden.

Tränen schossen ihr in die Augen. „Vater.” Aus dem Haus drangen Todesschreie und Schwerterklirren. „Mutter!”

Sie wollte aufspringen, doch er hielt sie mit letzter Kraft zurück. „Es ist ... zu spät.”

Seh'kina kam hinzu, kniete sich neben ihren Vater. Tränen rannen auch ihr über die Wangen, mischten sich mit dem Regenwasser.

„Flieht ... sucht nach ... Mho'tun.” Seine Worte waren kaum noch zu hören.

„Nein, Vater, nein”, hauchte Uh'sia.

„Er wird ... euch ... die Wahrheit sagen ... über ... über eure ... eure ...”

Kraftlos fiel sein Kopf gegen Seh'kinas Brust, in deren Gesicht sich Panik spiegelte.

„Ergreift sie!”, schallte es jäh über den Hof.

Entsetzt blickten die Zwillinge zur Veranda. Einer der Krieger wies mit seinem blutverschmierten Schwert auf sie. Sofort stürmten mehrere Barbaren heran. Wasser und Schlamm spritzten unter ihren Stiefeln.

„Wir müssen fliehen!”, rief Tha'man.

„Nein!”, schrie Uh'sia verzweifelt auf. „Nein!”

Auch Seh'kina wirkte wie gelähmt. Hart packte Tha'man die Zwillinge an den Armen. „Kommt endlich!”

Mühsam stolperten sie zum Tor hinaus. Ihnen bot sich ein Bild des Grauens. Flüchtende Menschen, in Panik schreiend, gejagt von den Kriegern. Hoch zu Ross schwangen sie ihre Schwerter. Beißender Qualm hing in den Straßen. Tote lagen im Schlamm. Jetzt liefen Uh'sia und Seh'kina um ihr Leben. Vorbei an brennenden Häusern, vorbei an den vielen Toten. Der Sturm peitschte das Wasser durch die Straßen, als ob selbst der Himmel die Vernichtung der Siedlung beschlossen hätte. Die Zwillinge erreichten eine Kreuzung.

Vier Reiter tauchten vor ihnen auf. „Ergreift sie!”

Gehetzt schaute sich Uh'sia um. „Lauft um euer Leben!”, rief Tha'man. „Ich halte sie auf!” Er schwang sein Schwert und stürmte den Reitern entgegen.

In Panik lief Seh'kina nach rechts an den Häusern vorbei.

„Tha'man! Seh'kina!”

Zwei der Reiter setzten ihrer Schwester nach. Tha'man fetzte einen vom Pferd. „Lauf endlich, Uh'sia! Rette dich!”

Da brach eine Hauswand zusammen. Uh'sia hörte das Scheuen des Pferdes, den spitzen Schrei ihrer Schwester. Die brennenden Trümmer stürzten auf sie herab. Mit ohrenbetäubendem Getöse begruben sie alles Leben unter sich.

Uh'sia hatte nur eine Möglichkeit - der dichte Wald auf der anderen Seite des Flusses. Nur er konnte sie noch retten!

Sie rannte so schnell sie konnte. Durch das hohe Gras der Auen, über die hölzerne Brücke. Immer wieder wandte sie sich hektisch um. Am Waldrand hielt sie schließlich einen Moment inne und blickte zurück. Sie war in Tränen aufgelöst. Sie keuchte, ihre Füße schmerzten. Die Siedlung stand in Flammen. Dicke schwarze Rauchwolken zeigten sich im Dämmerlicht. Mehrere Reiter jagten ihr nach, galoppierten bereits über die Brücke. Hastig tauchte Uh'sia in das Dickicht des Waldes ein. Lianen wucherten überall, dichtes Buschwerk erschwerte ihre Flucht. Mehrmals verfing sich ihre Tunika darin. Uh'sia jammerte, zerrte sich davon los. Dornen rissen feine Wunden in Arme und Beine. Sie war mit ihren Kräften am Ende. Plötzlich stolperte sie. Dann standen sie über ihr. Barbarische, vor Wasser und Dreck triefende Gestalten. Uh'sia war unfähig sich zu bewegen. Grauen schoss in ihr hoch. Das Gelächter der Männer ging ihr durch Mark und Bein; große Hände griffen nach ihr.

Da leuchtete ein helles Licht zwischen den Bäumen auf. Es näherte sich rasch, umschloss die Männer und ließ sie erstarren. Eine sanfte Stimme rief einen Namen: „Uh'sia ... Uh'sia.” Angsterfüllt verharrte das Mädchen. „Fürchte dich nicht, meine Tochter. Erhebe dich ... und lauf.” Uh'sia konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie raffte sich auf, stolperte, stieß gegen einen der Barbaren, doch dieser rührte sich nicht. Wie aus dem Nichts eröffnete sich ein breiter Pfad vor ihr. „Lauf, meine Tochter. Folge dem Weg.” Und sie lief, lief so schnell sie konnte.

Immer tiefer folgte sie dem hellen Schein in den Wald hinein. Bis sie eine Lichtung erreichte. Ein Wasserfall toste von einer hohen Klippe herab. Seine Gischt nässte Uh'sias Gesicht und legte sich auf ihre klamme Tunika. Erschöpft blieb sie stehen. Ein Regenbogen zeichnete sich in den Wassertröpfchen ab, obwohl die Sonne nicht schien. Eine merkwürdige Aura umfing sie. Schon oft war sie mit ihrem Vater in diesem Wald auf die Jagd gegangen, aber an einen Wasserfall konnte sie sich nicht erinnern. Verwundert näherte sie sich dem Ufer. Das Wasser war wunderbar klar, der Grund deutlich sichtbar. Dann sank sie erschöpft ins Gras. Ihre Glieder schmerzten, überall zeigten sich kleine Wunden. Ihre Tunika war zerrissen und klebte ekelhaft auf der Haut. Das Haar hing ihr wirr auf der Stirn. Sie beugte sich nach vorn und tauchte ihre Arme ins Wasser. Die Kühle erfrischte sie. Schon nahm sie mit ihren Händen die Flüssigkeit auf und trank hastig. Mehrmals füllte sie ihre Hände. Es tat ihr gut. Sie fühlte sich wie ein gehetztes Tier, das seine Wunden leckte. Sie klatschte sich das Wasser auch ins Gesicht, schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie eine Gestalt nahe dem Wasserfall, die von einem mystischen, blauen Strahlenkranz umgeben war. Sie schien auf dem See zu schweben. Klare Konturen waren nicht zu erkennen. Aber Wärme und eine unendliche Güte gingen davon aus. Mit einem Mal schienen alle Schmerzen und Ängste von Uh'sia abzufallen.

„Du magst jetzt erschöpft und verängstigt sein, meine Tochter”, sprach die sanfte Stimme. „Aber die Rache wird dein sein. Du wirst lernen, gegen deine Feinde zu bestehen. Und du wirst unsere Rettung sein.”

„Wer ... wer seid Ihr?”, fragte sie verwirrt.

Doch die Erscheinung verschwand. Stattdessen vernahm Uh'sia Schritte hinter sich. Erschrocken sprang sie auf. Ihr Herz schlug heftig.

„Habe keine Furcht”, sagte der bärtige Hüne, der sich langsam näherte. „Endlich sehen wir uns wieder.” Seine Stimme klang tief und weise. Er trug einen tiefblauen Umhang und lächelte gütig. Seine blauen Augen leuchteten wie Sterne.

„Wer seid Ihr?”

„Ich bin Mho'tun.”

Er war ein Nêter - ein Wächter des Lichts!

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Der Fluch des Andvari - Leseprobe

Mainz.

Unruhig wälzte sich Hannah in ihrem Bett hin und her, träumte. Wirre Bilder zogen an ihr vorüber. Erneut sah sie den dunklen Ritter an dem Torbogen stehen. Seinem stechenden Blick schien nichts zu entgehen. Unablässig musterte er die vorbeiziehenden Leute, während seine rechte Hand auf dem Schwertgriff ruhte. Er schien bereit jederzeit zuzuschlagen. Hannah versuchte, das Innere der Burg zu erreichen. Als wäre sie eine der Reisenden, ging sie über die breite Zufahrtsstraße auf das Tor zu. Schaudernd vermied sie dabei, den dunklen Ritter anzuschauen. Dennoch glaubte sie, seinen Blick unablässig zu spüren. Im Schutz eines Ochsenkarrens durchquerte sie schließlich das Tor und betrat den Burghof. Jäh umgab sie dunkelste Nacht, nur vereinzelt funkelten Sterne am Himmel. Die Zinnen, Mauern und steinernen Gebäude wirkten gespenstisch. Hannah war völlig allein, tat zögerlich einige Schritte auf dem sandigen Boden. Plötzlich öffnete sich die Tür des Palas‘, des Hauptgebäudes. Gebannt verharrte Hannah. Flackerndes Fackellicht erhellte die Öffnung, dann erschienen mehrere Gestalten in dunklen Kutten. Wie damals, als Hannah von der toten Frau geträumt hatte. Erschrocken wich sie zurück. Abrupt stieß sie gegen etwas Weiches und wandte sich hastig um. Es war die blonde Frau. Ihre blauen Augen funkelten böse, verengten sich. Ihre Hände zuckten hervor, griffen nach Hannahs Hals. Ein zischender Laut entrang ihrem Mund.

Abrupt schrie Hannah auf, schreckte aus dem Schlaf. Ihr Atem ging heftig, ihr Herz pochte wild. Schweiß gebadet saß sie aufrecht im Bett, ihr Blick irrte durch das dunkle Zimmer. Immer wieder sah sie das verzerrte Gesicht vor sich. Ihr Blick traf den Radiowecker auf dem Nachttisch. In einer Viertelstunde würde der Signalton zum Wecken ertönen.

Rasch schaltete sie die Nachttischlampe ein und schwang sich aus dem Bett. Für einen Moment blieb sie noch auf der Kante sitzen, atmete mehrmals tief ein und aus, versuchte, sich zu beruhigen. Eine solch heftige Vision hatte sie nie zuvor gehabt.

Schließlich verließ Hannah das Schlafzimmer, lauschte kurz an der Tür ihrer Tochter. Alles war ruhig. Dann ging sie zum Badezimmer weiter. Dort duschte sie sich zunächst. Als sie wieder in den Flur trat, stutzte sie jäh. Ein eisiges Kribbeln jagte ihr den Rücken hinunter. Intuitiv spürte sie die Gefahr.

Sie war nicht allein!

Atemlos verharrte sie am Türpfosten, während ihre linke Hand nach dem Lichtschalter tastete. Ihre Augen waren durch die Helligkeit im Bad noch zu stark geblendet, als dass sie etwas in dem Zwielicht der Wohnung erkennen konnte. Dann betätigte sie den Schalter, der Flur erhellte sich. Am oberen Ende lag das Wohnzimmer, rechts von ihr die Tür zum Treppenhaus. Aufmerksam blickte sich Hannah um und lauschte.

Nichts. Hatten ihr die Sinne einen Streich gespielt?

Plötzlich huschte ein Schatten durch das Wohnzimmer. Hannah zuckte zusammen, schrie stumm auf.

Es war jemand hier!

Was sollte sie tun? In ihrem Kopf jagten sich die Gedanken. Ihr Herz hämmerte. Zögernd wanderte ihre Hand zum Telefon, das rechts auf der Kommode stand. Da hörte sie, wie die Balkontür geöffnet wurde. Schon spürte sie den Luftzug. Ohne weiter nachzudenken, rannte sie ins Wohnzimmer. Dort sah sie noch eine dunkle Gestalt, die sich über die Brüstung des Balkons schwang und verschwand. Hannahs Hand klatschte auf den Lichtschalter, das Zimmer erhellte sich. Hastig schloss sie die Balkontür und wollte zu Julias Zimmer. Da sah sie einen kleinen braunen Umschlag auf dem Tisch liegen. Der Unbekannte musste ihn dort abgelegt haben.

Doch ihre Sorge galt ihrer Tochter. Sie eilte zu deren Zimmer. Dieses Mal öffnete sie die Tür. Aber ihre Angst war unbegründet. Das Mädchen schlief friedlich. Alles war in Ordnung. Leise schloss Hannah die Tür wieder und ging ins Wohnzimmer zurück.

Dort nahm sie den Brief auf. ‚Hannah Jenning‘ - stand in Blockschrift darauf. Ohne zu zögern öffnete sie ihn und zog ein gefaltetes DIN A4-Blatt heraus. Als sie den Inhalt sah, erschrak sie. Runen, germanische Schriftzeichen. Verwirrt sank Hannah auf das Sofa. Wer verfasste Briefe in dieser alten Schrift? Sie brauchte jemanden, der diese Zeichen lesen konnte. Es gab nur einen Menschen, der ihr dabei helfen konnte: Kommissar Röwer.

Entschlossen ging sie zur Garderobe und nahm die Visitenkarte aus ihrer Jacke. ‚Sie können mich jederzeit erreichen‘, erinnerte sie sich an seine Worte. Schon wählte sie die Handynummer.

Nach einigen Freizeichen kam die Verbindung zustande. „Röwer.“ Er wirkte schläfrig.

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so früh störe, Herr Röwer. Hier ist Hannah Jenning.“

„Hannah Jenning?“, entgegnete er überrascht. „Nein, nein, Sie stören nicht.“

„Ich muss Sie treffen. Sofort.“

„Was ist passiert?“

„Es war jemand in meiner Wohnung.“

„Sind Sie verletzt?“

„Nein, mir geht es gut. Aber der Kerl hat mir einen merkwürdigen Zettel mit Runenzeichen hinterlassen.“

„Runenzeichen? Sind Sie noch zu Hause?“

„Ja.“

„Dann warten Sie dort. Ich bin in zwanzig Minuten bei Ihnen.“

Sie spürte seine Unruhe. „In Ordnung. Ich warte hier.“

„In der Zwischenzeit beruhigen Sie sich, bitte. Sie müssen sich keine Sorgen machen.“

Dann trennte er die Verbindung.

Sie atmete einige Male tief ein und aus. Keine Sorgen machen - was dachte sich der Kommissar? Ein Mann war in ihre Wohnung eingedrungen. Er hätte sie töten oder Julia etwas antun können.

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