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Im Banne des Horus - Leseprobe
Markusplatz, Palazzo Ducale.
Angespannt stieg Jette die Außentreppe
hinauf, die zu der Kolonnade im ersten Stock des Palastes
führte.
Mit einem Mal fühlte sie sich in jene
frühe Epoche zurückversetzt, spürte den Hauch der vergangenen
Zeit, glaubte die Stimmen der einstigen Kaufleute zu hören. Eine ganz
eigentümliche Atmosphäre. Die Kolonnaden waren mit Fackeln erhellt,
wiesen Markus und ihr den Weg. Die Sonne senkte sich mehr und mehr dem Horizont
entgegen. Einzig der Campanile ragte wie ein schwarzer Obelisk in den
Himmel.
Buona sera, grüßte
Foscari, der am Ende der Kolonnade stand. Ich freue mich, dass Sie meiner
Einladung gefolgt sind.
Er trug das Kostüm eines französischen
Edelmannes; selbst Degen, Schlapphut und die Stulpenstiefel fehlten nicht.
Buona sera, Sebastiano, erwiderte
Jette begeistert.
Galant nahm Foscari ihre Hand und küsste
sie. Es ist mir eine persönliche Ehre, Sie hier an diesem Ort
empfangen zu dürfen, Signorina.
Erneut traf sie seine Berührung wie ein
Blitz. Vielen Dank. Ich fühle mich geschmeichelt.
Dann wandte er sich an Markus, und die beiden
Männer begrüßten sich ebenfalls.
Kurz darauf betraten sie den Palast.
Überall Prunk, vergoldete Plastiken, prächtige Deckengemälde,
kostbare Wanddekorationen. Foscari führte sie durch Korridore und
Räume, bis sie den Ballsaal erreicht hatten.
Musikanten spielten auf mittelalterlichen Zupf-
und Blasinstrumenten, ihre Musik erfüllte den Raum. An den
Längsseiten erstreckten sich eingedeckte Tische, an denen viele der
kostümierten Gäste saßen und mit ihren Nachbarn plauderten.
Andere standen auf der Innenfläche beisammen und unterhielten sich
angeregt. An der hinteren Schmalseite war ein großes Buffet aufgebaut,
dazwischen kostbares Porzellan und Gläser. Überall liefen Bedienstete
in mittelalterlichen Trachten umher und kümmerten sich um die
Gäste.
Das ist wunderschön,
äußerte Jette gerührt.
Ich wusste, dass es Ihnen gefallen
wird, erwiderte Foscari lächelnd. Kommen Sie. Ich möchte
Sie mit einigen der Anwesenden bekannt machen.
In Jettes Faszination mischte sich mehr und mehr
Verlegenheit. Sie war ein einfaches Mädchen, hatte in ihrem Leben immer
kämpfen müssen. Hier hatte sich der Adel versammelt, Menschen, die zu
Ruhm und Reichtum gekommen waren. Das war nicht ihre Welt.
Dennoch lag hier ein Geheimnis verborgen, ein
Wissen, das die Menschheit vor dem Untergang bewahren konnte. War Sebastiano
Foscari der Großmeister dieser Erkenntnis?
So ließ sich Jette von der Atmosphäre
einfangen, versuchte, ihrer inneren Stimme zu folgen. Foscari stellte ihnen
seine Frau und seinen Bruder, den Gastgeber, vor. Daneben lernten sie
noch den Bürgermeister von Venedig und einige bedeutende Wissenschaftler
kennen.
Dann geleitete Foscari sie zu ihrem Platz.
Fröhlich setzte sich Jette an den Tisch und beobachtete das Geschehen. So
etwas kannte sie bislang nur aus Filmen.
Ist alles in Ordnung mit dir?,
fragte Markus leise und lächelte liebevoll.
Ja, es ist fantastisch hier.
Dieser Foscari scheint wirklich eine
einflussreiche Persönlichkeit zu sein.
Ja, schwärmte sie.
Sebastiano ist ein wunderbarer Mann, höflich, gebildet, nett
...
Und was ist mit mir?, warf Markus
ein. Ich bin auch höflich, gebildet und nett.
Jette musste grinsen. Amüsiert
schüttelte sie den Kopf. Das weiß ich doch, sagte sie
und streichelte seine Hand. Du bist doch nicht etwa
eifersüchtig?
Ich? Eifersüchtig? Gespannt sah
sie ihn an. Muss ich denn?
Er meinte es eher im Scherz, schien sich ihrer
Antwort sicher. Aber war sie sich über ihre Gefühle wirklich so klar?
Die bunte Welt des Luxus, die Jette in diesem Palast umfing, berauschte sie. So
antwortete sie verhalten: Nein, das brauchst du nicht.
Er lächelte glücklich.
Jette nahm es kaum wahr, war sie mit ihren
Gedanken schon wieder bei den Eindrücken, die sie unaufhörlich
überfluteten: all die bunten Kostüme, die prächtig dekorierten
Wände, das kostbare Porzellan. So etwas Wunderbares hatte sie noch nie
gesehen.
Einer der Diener erschien an ihrem Platz und
fragte nach ihren Wünschen. Er zählte eine so lange Liste an Speisen
und Getränken auf, dass es Markus und Jette schwer fiel, sich zu
entscheiden. Doch schließlich hatten sie ihre Wahl getroffen und bekamen
kurz darauf Meeresfrüchte und einen erlesenen Weißwein serviert.
Jette aß voller Genuss.
Später am Abend erschien Foscari mit seiner
Frau und forderte Jette und Markus zum Tanz auf. Ein wenig unsicher wehrte sich
Jette, doch der Funke sprang schnell auf sie über. Mit der Zeit gelang es
ihr immer besser, den Schritten zu folgen. Foscari war geduldig und
sehr einfühlsam. Beschwingt ließ sie sich schließlich von dem
Tanz mitreißen, wechselte die Partner, folgte den Rhythmen.
Jette vergaß die Zeit. Alles um sie herum
drehte sich. Es berauschte sie mehr und mehr. Sie spürte den Hauch jener
Jahrhunderte, als Venedig die Herrscherin im Mittelmeerraum gewesen war.
Bilder tauchten vor ihren Augen auf, zeigten Schiffe, die bis nach
Palästina fuhren, Kaufleute, die ihre Waren in Lagerhäusern
begutachteten, Edelleute, die im Senat über die Gesetze der Republik
wachten.
Da fand sich Jette in den Armen von Foscari
wieder. Seine Berührungen ließen sie erschaudern. Ein Kribbeln jagte
ihr über den Rücken.
Sie zittern ja, Signorina, sprach er
leise, während er sich mit ihr im Kreis schwang.
Seine stahlblauen Augen leuchteten wirklich wie
Sterne!
Sie sind ein ungewöhnlicher Mann,
Sebastiano, erwiderte sie ebenfalls leise.
Und Sie haben die Anmut einer Göttin,
Jette.
Sie musterte ihn. Es war das erste Mal, dass er
sie beim Namen nannte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Einen Penny für Ihre Gedanken, sagte sie.
Jetzt schaute er sie lange an. Sie sind in
Gefahr, Jette, in großer Gefahr.
Ihr Herzschlag steigerte sich augenblicklich.
In Gefahr?
Er sah sich rasch um. Unser
Zusammentreffen ist kein Zufall. Die Götter haben es so bestimmt, denn das
Ende der Welt ist nahe.
Jette spürte, wie ihr Herz immer heftiger
schlug. Sie war auf der richtigen Spur!
Kommen Sie, sagte Foscari. Ich
will Ihnen etwas zeigen.
Sie blickte sich nach Markus um.
Sorgen Sie sich nicht um Ihren Freund. Bei
meiner Frau ist er in besten Händen.
Sie hatte keine Wahl, wollte sie Foscaris
Geheimnis ergründen. Mein Schicksal liegt jetzt in Ihren
Händen, Sebastiano.
Er lächelte hintergründig. Sie
sind sehr tapfer. Das müssen Sie auch. Aber Sie können mir vertrauen,
Signorina.
Die Tanzenden nahmen kaum Kenntnis von ihnen,
als sie den Ballsaal verließen. Foscari führte Jette durch lange
Korridore in einen kleinen Raum im Südflügel des Palastes. Durch eine
große Fensterfront fiel Zwielicht in das leere Zimmer, es gab keine
Möbel, nur ein weiteres grandioses Deckengemälde.
Schauen Sie, sagte Foscari und ging
zum Fenster.
Jette folgte ihm. Ihr Blick erfasste den Canale
di San Marco und den Zugang zum Markusplatz, dort wo die beiden Säulen
standen. Alles war ins Licht der untergehenden Sonne getaucht.
Sehen Sie die Säulen?, fragte
Foscari. Jette nickte. Seit über achthundert Jahren stehen sie nun
dort und symbolisieren die Macht Venedigs. Der geflügelte Löwe des
Evangelisten Markus und die Statue des heiligen Theodoros, des ersten
Patrons Venedigs. Wussten Sie, dass einst zwischen den beiden Säulen das
Schafott gestanden hat? Dort wurden die Todesurteile
vollstreckt.
Bei dem Gedanken daran lief Jette ein Schauer
über den Rücken. Warum erzählen Sie mir das?
Sie vergleichen Venedig sicherlich mit
einer Perle, für Sie ist es ein faszinierender Ort. Aber unsere Geschichte
steckt voller Leid, Blut und Tod. Selbst die ersten Siedler mussten dies
erfahren, als sie sich im fünften Jahrhundert in diese Lagune
flüchteten, um sich vor den Überfällen der Barbaren aus dem
Norden zu schützen. Und im dreizehnten Jahrhundert nutzten meine
Vorfahren den vierten Kreuzzug, um Konstantinopel zu erobern und ihren
Machtanspruch durchzusetzen. Und heute? Heute sterben Menschen,
weil sie zu viele Fragen stellen und der Wahrheit zu nahe kommen.
Der Wahrheit zu nahe kommen?
Jette konnte ein leichtes Unbehagen nicht
leugnen. Aus dem netten, sympathischen Adligen war plötzlich eine
undurchsichtige, bedrohlich wirkende Gestalt geworden.
Jeder muss sich seinem Schicksal
beugen, antwortete er mehrdeutig.
Wer sind Sie wirklich?, fragte Jette
nun streng.
Alles zu seiner Zeit ... alles zu seiner
Zeit. Ich werde Ihnen jetzt ein Geheimnis offenbaren.
Am linken Fensterrahmen betätigte er einen
verborgenen Schalter. Daraufhin öffnete sich auf einer der Wandseiten eine
vorher nicht sichtbare Tür. Zielstrebig ging Foscari auf die
Öffnung zu. Kommen Sie. Fordernd streckte er ihr die
rechte Hand entgegen.
Jette folgte ihm zögernd. Foscari
entzündete eine Fackel, die er von der Wand des Geheimganges nahm. Dann
geleitete er sie eine Treppe hinab. In diesem Palast gibt es viele
verborgene Wege, erklärte er. Nur wenige Menschen kennen sie
heute noch. Früher dienten sie dem Dogen dazu, dass er unerkannt seiner
Wege gehen konnte.
Jettes Anspannung steigerte sich. Es erinnerte
sie an die Erkundung ägyptischer Grabkammern. Wie gern hätte sie
jetzt Markus an ihrer Seite gehabt, aber das Geheimnis schien nur für sie
bestimmt zu sein.
Als sie einen kleinen Vorraum erreichten,
öffnete Foscari eine Tür, die in einen größeren Raum
mündete, und entzündete eine weitere Fackel. Jette stockte der Atem.
Sie glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, was sie jetzt in dem diffusen Licht
sah. Überall Gold und Edelsteine. Statuen, Skulpturen, Figuren,
Thronsessel, Armbänder, Schmuck, Medaillons. Freudentränen schossen
ihr in die Augen, sie legte die Hände vor den Mund, um nicht
aufzuschreien. Es waren alt-ägyptische Kunstgegenstände, Grabbeigaben
und zeremonielle Objekte. Sind ... das ... sind ... das ...?,
stotterte sie.
Das ist nur ein kleiner Teil des Schatzes
der Pharaonen, entgegnete Foscari ruhig. Denn die wirklichen Werte
lagern hinter dicken Tresortüren vermögender Privatleute in der
ganzen Welt.
Aber wie ...?
Seit zweihundert Jahren erkunden wir nun
schon Ägypten, um diese unbezahlbaren Unikate der Nachwelt zu
erhalten.
Jette sah Foscari ungläubig an. Die
geheime Bruderschaft. Sie sind ... ein Templer.
Ja, ich bin Templer, erwiderte er
mit fester Stimme. Jetzt kennen Sie meine Berufung.
Sie wich zurück.
Es tut mir Leid, dass ich Sie erschreckt
habe, Jette. Vertrauen Sie mir, denn Sie sind unsere einzige
Hoffnung.
An Ihren Händen klebt Blut. Der
französische ...
Forscher?, unterbrach Foscari.
Er war ein Narr, der mit dem Feuer spielte. Zu viele unbequeme Fragen.
Und er hatte ein schwaches Herz.
Ich glaube Ihnen nicht.
Jette, bitte, Sie müssen mir
vertrauen.
Wie kann ich das?
Ist es nicht schon Vertrauen genug, dass
ich mit Ihnen in diesen Raum hinabgestiegen bin? Dass ich bereit bin, Ihnen bei
Ihrem Kampf gegen Seth zu helfen?
Ich weiß nicht. Sie war
völlig verunsichert. Sie waren so nett, und mit einem Mal ...
In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
Es ist eine große Aufgabe, die von
Ihnen verlangt wird, Jette, äußerte er wohlwollend. Sie
sind noch jung, und das, was Sie erleben, widerspricht Ihrer Erfahrung. Das
Schicksal hat Sie plötzlich getroffen. Ihr Vater hatte kaum Zeit, Sie
darauf vorzubereiten.
Was wissen Sie von meinem Vater?
Wir beobachten Sie, seit Sie aus
Ägypten zurückgekehrt sind - seit dem Tag des Erdbebens, als
das Verhängnis seinen Anfang nahm.
Dann wissen Sie, wer ich bin?
Ja, Jette. Sie sind die Reinkarnation von
Isis, der großen Göttin des Lebens. Daher können nur Sie
das Unheil abwenden.
Was ist in Ägypten
passiert?
Sehen Sie diese Statue hier?
Foscari deutete auf eine der vergoldeten
Skulpturen. Der Unterleib und die Beine waren wie die einer Mumie umwickelt.
Über der Brust hielt die Gestalt Krummstab und Schlegel gekreuzt, und auf
ihrem Haupt saß die Atef-Krone.
Jette näherte sich. Das ist Osiris,
der Gott der Toten.
Exakt. Einst stand er in der
Königinkammer der Cheops-Pyramide.
Was sagen Sie da?
Genau genommen stand er in der Kraknische,
über deren Bedeutung die Ägyptologen heute noch
rätseln.
Sie stockte kurz. Das klingt so, als
würden Sie die wahre Bedeutung der Pyramide kennen.
Schauen Sie sich die Inschrift am Sockel
der Statue an, forderte Foscari sie auf.
Jette kniete sich nieder und versuchte, die
Hieroglyphen zu entziffern. Sie rief sich die Lehrstunden mit Kjeldsen ins
Gedächtnis und zitierte langsam: Möge niemand seine Ruhe
stören ... und ihn der Vergessenheit übergeben ... mögen seine
Frevel hier ihr Ende finden. Sie sah zu Foscari auf.
Seth?
Ja. Diese Statue hatte die Funktion eines
Wächters. Osiris, der Gott der Toten, wachte über das Grab seines
Bruders Seth, der in der Pyramide lebendig eingemauert worden war.
Verwirrt erhob sich Jette. Seth ist in der
Pyramide begraben?
Foscari nickte.
Die Gantenbrink-Tür,
stieß sie jäh aus. Liegt dort Seths Versteck?
Sie meinen den Verschlussstein, den der
deutsche Ingenieur vor einigen Jahren am Ende des südlichen Schachts
der Königinkammer entdeckt hat.
Genau. Wie ein Lauffeuer war diese
Sensation damals um die Welt gegangen, hatten die Ägyptologen bis dato
doch behauptet, der Schacht würde nach wenigen Metern blind enden.
Gantenbrink hatte mit seinem Miniroboter nachgewiesen, dass der Schacht wie
auch die anderen Schächte nach oben anstieg und fast 60 Meter lang war,
bis ein Stein den Weg blockierte. Ich ging damals noch zur Schule,
entgegnete sie nachdenklich, aber ich erinnere mich an die Spekulationen,
die bis heute nicht abgerissen sind und durch neueste Forschungen wieder
entfacht wurden. Viele vermuten noch immer eine Kammer hinter den
Blockierungen.
Und was denken Sie?, fragte Foscari
hintergründig.
Ich? Sie überlegte. Nun,
die Idee einer Kammer ist nicht abwegig. Vielleicht ist es Cheops' wahres Grab
... oder seine Schatzkammer. Aber genau werden wir es erst wissen, wenn alle
Blockierungen geöffnet sind.
Foscari schmunzelte. Sagt Ihnen das
Projekt Wep-wawet etwas?
Wep-wawet? Wep-wawet ist eine der
alt-ägyptischen Bezeichnungen für Upuaut, den Öffner der
Wege.
Wep-wawet war der Codename des
Nachfolgeprojektes zur endgültigen Erkundung des südlichen Schachts.
Aber nicht das Ereignis, das Sie im Fernsehen live mitverfolgen konnten. Das
war lediglich eine gut gemachte Werbesendung. Die wahre Erkundung fand bereits
im September neunzehnhundertsechsundneunzig statt ... also schon drei Jahre
nach Gantenbrink. Damals hat ein ägyptisches Forscherteam mit
technischer Unterstützung einer kanadischen Firma sämtliche
Blockierungen mittels eines Roboters durchbrochen ... völlig unbemerkt von
der Öffentlichkeit.
Aber ...
Ich kann Ihre Überraschung verstehen
- und ihre Zweifel, die Sie vielleicht hegen. Aber glauben Sie mir, die
Wahrheit ist weit umfassender als die Öffentlichkeit je erfahren
wird.
Es verschlug Jette die Sprache. Die
Geheimniskrämerei der Ägyptologen - es gab sie tatsächlich! Ein
elitärer Kreis von Wissenschaftlern, der die Wahrheit hütete. Aber
warum? Gab es etwas in Ägypten, das das Verständnis von der
Entwicklung dieser Kultur oder gar des Menschen revolutionieren würde?
Was ist hinter den
Verschlusssteinen?, fragte sie atemlos.
Eine dritte und letzte Blockierung,
ähnlich wie beim Zugang zur Königskammer.
Und dahinter?
Ein Gangsystem mit weiteren
Kammern.
Ein zweites Gangsystem in der
Pyramide?, flüsterte sie atemlos.
Foscari nickte. Aber diese neuen Kammern
sind genauso schmucklos wie die bereits bekannten Räume. Die Kamera des
Roboters erfasste jedoch eine Statue des Anubis.
Das ... das ist ... unglaublich.
Damit erschienen die von den Ägyptologen
verschmähten Untersuchungen diverser Forscher, die über
Gänge und Kammern in der Pyramide und unterhalb des Sphinx berichtet
hatten, plötzlich in einem ganz neuen Licht. Es schien sie wirklich
zu geben, die Unterwelt, das Reich des Osiris!
Und Seth?, fuhr Jette fort.
Sie haben gesagt, dass er in der Pyramide begraben liegt. Als ich
vergangene Woche in der Pyramide war ... mit meinem Mentor ... da war die
Königinkammer gesperrt. Fragend sah sie Foscari an. Lars bekam
keine Auskunft. Aber Sie wissen, was dort geschah, nicht wahr?
Mittlerweile ist der Zutritt zur
Cheops-Pyramide gänzlich für die Öffentlichkeit gesperrt.
Angeblich sollen im Innern erneut Schäden repariert werden, die in den
vergangenen Monaten von den Touristen verursacht worden sind.
Jettes Anspannung steigerte sich. Und der
wahre Grund?
Forschungsarbeiten im nördlichen
Schacht der Königinkammer. Dort, wo Gantenbrink damals wegen verkeilter
Stangen, mit denen vermutlich Waynman Dixon im neunzehnten Jahrhundert den
Schacht erkunden wollte, aufgeben musste ... bevor er sich dann dem
südlichen Schacht zuwandte. Der Deutsche war nur bis zur Biegung gekommen,
die der Schacht zwangsläufig wegen der Großen Galerie nehmen muss.
Dieses Mal waren die Forscher vorbereitet, und sie schafften es, diese
Hürde zu nehmen und dem Schacht in die Höhe, tief ins Mauerwerk der
Pyramide zu folgen.
Dort fanden sie dieselben
Blockierungen?
Foscari nickte. Sie konnten sie direkt
öffnen, es war der gleiche Mechanismus wie im südlichen
Schacht. Das war der Augenblick, als das schwere Erdbeben Kairo
erschütterte.
Jette starrte ihn fassungslos an.
Als die Forscher die letzte Blockierung
öffneten, lösten sie die Katastrophe aus. Der Bann war gebrochen. Das
Böse entwich aus einer bis dahin geheimen und verborgenen
Kammer.
Seths Versteck.
Ja, Seths Versteck. Alle Schutzmechanismen
waren zerstört ... die Wächterstatue des Osiris in der Kraknische,
geraubt von Grabräubern im Mittelalter ... die einst verborgenen
Schächte, aufgesprengt von Waynman Dixon ... die Blockierungen am Ende des
Schachts, geöffnet von machtbesessenen Forschern, die dafür mit
ihrem Leben bezahlten.
In diesem Moment verstand Jette die
Zusammenhänge. Die Götter hatten Seth in der Pyramide
begraben, sein Versteck getarnt, doch der Ehrgeiz der Menschen kannte keine
Grenzen. Durch Hochmut hatten sie die alten Regeln wiederbelebt. Der Fluch
hatte die Forscher getötet, war entwichen und hatte die Besucher der
Pyramide getroffen. Sie war eine dieser Personen - die Reinkarnation der
Göttin Isis.
Sie können sich nicht vorstellen,
welche Panik zurzeit unter den Ägyptologen herrscht, fuhr Foscari
fort. In wilder Hast und unter strengster Geheimhaltung versuchen sie
nun, den verborgenen Zugang zu der Kammer im Nordschacht zu finden, um
das Geheimnis der mysteriösen Todesfälle klären zu
können.
Werden sie den Zugang finden?
Vielleicht. Aber sie haben keine Ahnung,
was wirklich geschehen ist. Jetzt rächt sich ihre Engstirnigkeit, denn sie
sind gefangen in ihren eigenen Doktrinen.
Jette war sprachlos und entsetzt zugleich.
Gedankenversunken starrte sie auf die Osiris-Statue.
Da spürte sie Foscari hinter sich, seine
Hände, die sanft ihre Schultern streichelten. Du wirst unsere
Rettung sein, Tochter des Alten Volkes, sprach er leise. Es ist
deine Bestimmung, den Kampf aufzunehmen und das Böse zu besiegen. So
wie die vielen tapferen Frauen und Männer vor dir. Habe Vertrauen in
deine Stärke. Glaube an dich und die Allmacht der Götter. Dann wird
Isis immer an deiner Seite sein.
Aber wie ... wie soll ich ihn
vernichten?, meldeten sich Zweifel in ihr. Seine Diener sind so
stark, so grausam.
Foscari löste sich von ihr und zog ein
Amulett aus einer Tasche seines Kostüms. Dies wird dir
helfen.
Neugierig nahm sie das schwere Schmuckstück
entgegen. In der Mitte der goldenen Scheibe saß ein
bläulich schimmernder Stein. Das ist wunderschön.
Fasziniert strichen ihre Finger über das glänzende Edelmetall.
Der Stein war kristallklar, und sie musste sich konzentrieren, dass sie nicht
in seiner Tiefe versank. Wo haben Sie das gefunden?
Es gehörte zu der Wächterstatue
des Osiris und ist Teil des Steins von Rôstau.
Überrascht sah sie auf. Der Stein von
Rôstau? Sie wissen, was das ist?
Als die Götter auf die Erde kamen,
brachten sie ein Relikt ihres Planeten mit, einen großen
kristallklaren blauen Stein. Er war das Symbol ihrer Macht und krönte ihr
höchstes Heiligtum. Als ihr irdisches Reich versank - die Menschen
nennen es heute Atlantis - nahmen sie diesen Stein mit und fanden am Nil eine
neue Heimat. In Abydos errichteten sie ihr neues Heiligtum und der Stein
verblieb dort für viele tausend Jahre. Bis der Mensch selbst die
Herrschaft übernahm. Die heiligen Stätten in Abydos verfielen, doch
die Götter des Lichts retteten den Stein, in dem sie ihn in zwei Teile
schnitten. Die eine Hälfte halten Sie in Händen ... er schützte
das Grab Seths. Die andere Hälfte wurde verwahrt, bis die Götter in
Echnaton einen würdigen Pharao fanden. Er vermachte den Stein dann seinem
Sohn.
Tut-anch-Amun, äußerte
Jette.
Carter fand den Papyrus, der von der
Vergangenheit dieses Steins erzählte. Doch viele Stellen waren
unleserlich, so dass er das Geheimnis nicht entschlüsseln
konnte.
Wie dieser arme französische
Forscher?, fragte Jette streng. Seine Vermutungen waren doch
falsch.
Signorina ... bitte verfallen Sie jetzt
nicht in den Fehler, über etwas zu urteilen, das Sie nicht
verstehen, bat Foscari eindringlich. Für Sie muss es
grausam sein, doch hinter all dem steckt eine viel höhere Wahrheit. Und
Sie müssen die zweite Hälfte, das zweite Amulett finden, wenn
Sie Seth vernichten wollen.
Warum helfen Sie mir? Sie sind ein
Templer. Sie unterdrücken die Wahrheit und ...?
Ich kenne meine Berufung. Aber gewisse
Umstände machen uns zu Verbündeten.
Welche Umstände?
Er sah sie lange an, bevor er antwortete:
Ich kann dir jetzt nicht mehr sagen, Jette. Wichtig ist nur, dass du das
zweite Amulett in deinen Besitz bekommst. Und erzähle niemanden,
dass ich dir die andere Hälfte gegeben habe. Hüte dich vor den
Wächtern der Geheimnisse, den berufenen Wissenschaftlern. Traue niemandem.
Dein Leben hängt davon ab.
Aber ... was ...?, stotterte sie
verwirrt.
Du musst nach Ägypten. Mit viel
Fantasie kann man dem Papyrus entnehmen, dass der Stein mit dem Ende der
Amarna-Zeit, also der Phase von Echnatons Monotheismus, ebenfalls sein Ende
fand. Es gibt zwar Papyri der nachfolgenden Dynastie, in denen der Stein
erwähnt wird, aber nirgends steht geschrieben, dass die Pharaonen
ihn tatsächlich besaßen. Ich bin der Überzeugung, dass
Tut-anch-Amun den Stein nach Abydos gebracht hat ... dem frühesten
Heiligtum der alten Ägypter, dort, wo einst die Götter
herrschten.
Jette lachte spontan auf. Und ich soll ihn
in nicht einmal sechs Tagen finden.
Du wirst den Stein dort finden,
äußerte Foscari überzeugt.
Erneut nahm er sie in seine Arme. Jette sah ihn
gebannt an. Ein Kribbeln lief ihr den Rücken hinunter, ein Zittern ergriff
ihren Körper.
Osiris' Gemahlin wird dir bei deiner Suche
helfen, fuhr er leise fort.
Ihre Blicke trafen sich. Jette konnte sich der
Ausstrahlung des Venezianers nicht entziehen. Ihr Puls steigerte sich. Seine
dunklen Augen schienen tief in sie hinein sehen zu wollen. So wich sie ihm auch
nicht aus, als er sich zu ihr beugte und sie küsste. Im Gegenteil. Sie
erwiderte seinen Kuss und ließ sich von der Leidenschaft berauschen
...
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